Nirgends wird es augenscheinlicher, was sie denken, wie sie sich verhalten, was sie essen, wie viel sie schlafen, ihr Kampfesgeist, ihre Fitness und ihre Liebe zur Schinderei, zur Suche, zur Anstrengung, zum Sieg, zur Niederlage.
Es geht um die Prüfung eines Entwicklungsprozesses. Und sucht man nach der Antwort auf seine Stärke, so gibt es keinen anderen Segelevent dieser Klasse, wo man besser beobachtet und gemessen werden kann, als hier: Alle vier Jahre findet die ISAF Weltmeisterschaft aller olympischen Disziplinen statt. In der Starbootklasse trafen 62 Teams aufeinander. Für jeden der Höhepunkt der vorolympischen Saison.

Flug Berlin-Lissabon. Vor Ort entscheide ich mich für den überfüllten Zug, um nach Cascais zu kommen. Mit zwei, drei bekannten Gesichtern sind wir die einzigen Fremden. Er schlängelt sich entlang der Küste, die westliche der iberischen Halbinsel. Hier von der Mündung des Tejo Flusses bis zum westlichsten Punkt des europäischen Kontinents, hat sie einen kurzen Ost-West Verlauf. 10 Kilometer landeinwärts Gebirge. Sie trennen die große Mündungsbucht vom spanischen Hochland. Es ist heiß und trocken, seit Tagen kein Regen. Leute drängen in den Zug, leicht bekleidet auf dem Weg zum Strand. Draußen blitzen hunderte Segel auf dem Meer. Ich fühle mich gut mit jener wohlbekannten Anspannung, eine leichte Art von Nervosität, die im Körper wächst, wenn der Organismus sich auf Höchstleistungen einstellt. Noch eine knappe Woche.

Eine WM hat sieben lange Tage, aber entschieden wird sie in den Monaten davor. Wir nutzten jeden Starkwindtag dieser Saison zur Vorbereitung auf das Revier. Wir arbeiteten viel an unserem Material, einem guten Trimm und einer guten Technik für Starkwindbedingungen. Betrachtete man die Windverhältnisse im Monat Juli über die vergangenen Jahre und sprach mit Leuten, die das Revier kannten, so würde es eine stürmische WM. Das Wetter im Sommer, im wesentlich bestimmt durch die Lage eines Azorenhochs über dem Atlantik und einem ausgebildeten Wärmetiefs, über dem spanischen Hochland, sollte einen ständig starken Nordwind bringen.

Wir strichen die Kieler Woche aus unserem Wettkampfplan und entschieden schon einige Wochen vorher auf das WM-Revier zu gehen. Doch was wir vorfanden waren leichte Winde, weit ab von unseren Prognosen. Eine riesige Atlantikwelle, erzeugt von einem Sturm hunderte Kilometer entfernt, lief über Tage in die Bucht. Je leichter der Wind wird, desto mehr Bedeutung muss man dem Strom, der Bewegung des Wassers, zutragen. Im Sommer überwiegt eine südliche Strömung, der Portugalstrom, ein Ausläufer eines Zweiges des Nordatlantischen Stromes. Im Küstenbereich wird er modifiziert durch die Gezeitenströme, in einem Tidenhub von 3 Metern und der Mündung des Tejo Flusses mit über 4 Knoten. Wir nahmen viele Messungen auf den Regattabahnen vor und es ergab sich ein kaum mehr zu schematisierendes Bild. Beruhigung dadurch, dass jeder dieselben strategischen Bedingungen vorfindet.
Wir hatten gut gearbeitet, flogen für sechs Tage nach Hause, um zu erholen und Kraft zu tanken.

3 Juli
Wir verlassen den Hafen. Unser Boot hängt im Schlepp des Betreuers. Zwei Meilen vor der Küste der ausgelegte Regattakurs. Draußen die Wetterinformationen von unserem Trainer, Strom und Winddaten der letzten zwei Stunden. Einsegeln, Geschwindigkeitstest, das Zurechtlegen eines strategischen und taktischen Plans. Das Feld schob sich zusammen, die Vorstartphase begann.
„Noch eine Minute. Achtung, Gegner von achtern!“
Ich falle ab, mache ihm klar, dass es hier keinen Weg geben wird. Die Leeposition ist unsere.
Er versucht es noch einmal. Wieder gehe ich mit runter. Die Distance wird immer kürzer. Noch 30 Meter zur Starttonne. Er luvt wieder an und geht hoch. Ordnet sich luvwärts ein.
„30 Sekunden, 25, 20. In Luv alles klar, Position ist sicher.“ höre ich von Markus, während mein Blick nur noch die Tonne fixiert.
Wir ziehen an, fünf, vier, drei, Markus hängt gestreckt, Start. Wir peitschen hinaus, beide Nasen auf Höhe Deckskante. Die direkten Boote in Luv versacken zusehends.
„Wie ist der Speed?“
„Gut.“
„ Können wir wenden und abkassieren?“
„Ein wenig noch, jetzt gehen Kroatien und Frankreich. Wir könnten mit rum.“
„Ok, Wende!“ Der Puls Richtung 170, wir springen auf die andere Seite. Ich werfe einen Blick durchs Fenster. Wir sind in der Spitzengruppe. Das gesamte Feld kippt leewärts von uns. Wir rücken ein Stück rein, um die Konzentration wieder zu finden. Das Boot läuft schnell.

Wir segelten hervorragende erste vier Rennen und sortierten uns nach zwei Tagen auf Platz acht im Gesamtklassement ein. Ich hatte ein gutes Gefühl unser Ziel Top 10 erreichen zu können.
Am dritten Tag wechselten die Windbedingungen. Der klare Nordwind schnitt sich an den Bergen überm Festland, in deren Flucht unser Regattagebiet lag. So schlug der Wind scheinbar systemlos von links und rechts ein, mit 20 und teilweise mit 5 Koten zur gleichen Zeit. Wir setzten beide Tagesläufe in den Sand und fielen stark zurück.
Ab Tag vier qualifizierten sich die 30 besten Teams für die Goldgruppe und segelten noch einmal vier Rennen gegeneinander. Es gelang uns lediglich einen Lauf unter die Top 10 zu setzen. Es waren schwierige Bedingungen und vorne fand man jene Athleten, die einige Jahre mehr Erfahrung ausspielen konnten. Wir ließen nicht los von der Hoffnung zurückzukommen, wieder zu erstarken, über uns hinauszuwachsen, denn vor dem letzten Tag hatten wir nur neun Punkte Abstand zum zehnten Platz. Das war alles was wir brauchten, um unsere Qualifikationskriterien für Olympia jetzt schon dicht zu machen. Es galt etwas mehr Risiko einzugehen. Es mussten einige taktische Entscheidungen gelingen, die andere vielleicht übersahen.

Letzter Tag
Noch einmal geht es um die Luvtonne, ein letzter Vorwind aus 30 Stunden Wettkampf. Wir reihen uns um Platz 20 ein, taktieren das letzte Mal Richtung Ziel. Wir wissen, dass es nicht mehr reicht, aber es scheint wie eingebrannt; es ist niemals vorbei, bevor es vorbei ist. Hinterm Ziel nehmen uns Betreuer und Trainer in Empfang. Wir reffen die Segel für den Schlepp in den Hafen. Geschlagen. Uns war klar, dass es nicht gereicht hatte. Die Anspannung fiel ab. Kopf und Körper waren müde. Man kann sich nicht vorwerfen, nicht alles gegeben zu haben. Aber manchmal gibt es Wettkampfserien, wo unter ständigem Druck die mentale Stärke sinkt und man seinen idealen Leistungszustand verlässt. Wir beenden die WM mit einem 19. Rang. Weltmeister wurden Robert Scheidt und Bruno Prada (BRA) mit vier Tagessiegen in den neun Wettfahrten bei 62 Mannschaften. Marc Pickel und Ingo Borkowski (GER) erfüllten mit Platz sieben die Olympia-Norm. Mit der Europameisterschaft im September und der WM nächstes Jahr im März haben wir noch zwei Chancen die Qualifikationsnormen für Peking zu fahren. Reflektierend bin ich nicht unzufrieden mit diesem Ergebnis. Ich weiß wofür wir die nächsten Monate kämpfen werden.
Es sind nicht die guten, sorgenfreien und lustigen Zeiten die Stärke und Widerstandsfähigkeit formen. James Loehr sagte: „Nirgends wird es deutlicher als im Leistungsport, das Durchsetzungsvermögen auf lange Sicht die Oberhand über Talent behält. In allen Bereichen des Lebens werden Siege weit häufiger durch Kampfesgeist und Willen errungen als durch Begabung.“

Und nirgends wird es deutlicher als im Leistungssport, dass jede Krise eine Chance bietet an ihr zu wachsen.

Robert Stanjek

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